Wir sind in dieses neue Jahr hineingestolpert, nicht leichtfüßig, nicht hoffnungsvoll jubelnd, sondern mit dem gleichen schweren Atem, mit dem das alte geendet hat. Die Nächte waren dunkel, die Nachrichten laut, die Sorgen hartnäckig. Kaum hatten wir „Frohes Neues“ gesagt, fühlte es sich schon an wie eine Wiederholung dessen, wovon wir eigentlich genug hatten. Angst lag in der Luft: vor Kriegen, vor Krisen, vor einer Welt, die sich schneller verändert, als unsere Herzen hinterherkommen. Und wir fragen uns ehrlich: Was bringt dieses neue Jahr, wenn es doch so angefangen hat wie das alte aufgehört hat?
Wir kennen diese Angst. Sie sitzt in uns, wenn wir morgens das Handy entsperren, wenn wir Zukunftspläne machen und dabei das Gefühl haben, auf brüchigem Boden zu stehen. Apokalyptische Bilder drängen sich auf: vom Ende, vom Zusammenbruch, vom „Es wird alles nur schlimmer“. Diese Gedanken sind laut, sie sind verführerisch, weil sie alles erklären wollen. Aber sie rauben uns Kraft. Sie lassen uns vergessen, dass Angst nicht das letzte Wort hat. Nicht in unserem Glauben. Nicht in unserer Geschichte. Nicht in unserem Leben.
Denn wir glauben an einen Gott, der nicht erst dann auftaucht, wenn alles gut ist. Wir glauben an einen Gott, der in Ställen geboren wird, nicht in Palästen. Einen Gott, der Krisen nicht umgeht, sondern mitten hindurchgeht. Jesus ist nicht in einer perfekten Zeit auf die Welt gekommen, sondern in einer von Unterdrückung, Gewalt und Unsicherheit. Genau dort hat Gott gesagt: Ich bin da. Nicht später. Jetzt. Genau hier.
Wenn wir also auf dieses neue Jahr schauen und spüren, wie uns die Angst den Atem nimmt, dann dürfen wir uns erinnern: Wir gehen nicht allein. Wir müssen nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Glaube heißt nicht, keine Angst zu haben. Glaube heißt, sich der Angst nicht auszuliefern. Es heißt, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, auch wenn der Weg im Nebel liegt. Es heißt, darauf zu vertrauen, dass das Licht real ist, selbst wenn wir es gerade nicht sehen.
Wir sind nicht dazu berufen, jede Katastrophe vorauszudenken oder das Ende der Welt zu berechnen. Wir sind dazu berufen, zu leben. Jetzt. Heute. In dieser Zeit. Christlicher Glaube ist kein Fluchtplan aus der Welt, sondern eine Einladung, sie mit Hoffnung zu füllen. Wo andere vom Untergang reden, dürfen wir von Treue sprechen. Wo Angst regiert, dürfen wir Nächstenliebe üben. Wo alles laut wird, dürfen wir still beten – nicht als Rückzug, sondern als Kraftquelle.
Vielleicht fühlt sich dieses Jahr zerbrechlich an. Vielleicht fühlen wir uns selbst zerbrechlich. Aber genau darin liegt etwas Heiliges. Gott arbeitet nicht nur mit den Starken, den Sichereren, den Unerschütterlichen. Gott arbeitet mit uns. Mit unseren Zweifeln. Mit unserer Müdigkeit. Mit unserem Wunsch nach Frieden. Wir dürfen darauf vertrauen, dass aus kleinen Akten der Liebe mehr wächst, als jede Schreckensvision uns glauben machen will.
Wir müssen die Welt nicht retten. Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, das Leben zu wählen. Jeden Tag neu. Hoffnung zu üben wie einen Muskel. Nicht naiv, sondern mutig. Nicht blind, sondern bewusst. Wenn wir einander zuhören, füreinander einstehen, ehrlich bleiben und beten, dann setzen wir Zeichen gegen die Angst. Dann wird dieses neue Jahr nicht nur eine Fortsetzung des alten, sondern ein Raum, in dem Gott uns begegnet.
Lasst uns also in dieses Jahr gehen, nicht ohne Furcht, aber mit Vertrauen. Nicht mit apokalyptischen Fantasien, sondern mit der Zusage: Gott ist bei uns – alle Tage. Auch in diesen. Und das genügt, um weiterzugehen. Gemeinsam. Schritt für Schritt.
Maximilian Grimm, KJ Süßen
Die Kurzfassung des Haltepunktes erschien im Glotzer 1/2026 der Kolpingjugend DV Rottenburg-Stuttgart.